Lernen und exekutive Funktionen – Neues aus dem Evidenzozean
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Lernen und exekutive Funktionen – Neues aus dem Evidenzozean
Lernen und exekutive Funktionen – Neues aus dem Evidenzozean Transferdialog zwischen Wissenschaft und Praxis im „Bildungshaus 3 – 10“ Aktuelle Evidenz zur Wirksamkeit des Montessori-Curriculums gibt uns einen wichtigen Anlass zum Feiern und Wertschätzen Ihrer täglichen Arbeit! Beginnen wir mit einer Lerngeschichte: Sehen Sie das Mädchen auf dem Bild? Sie blickt in die Ferne, bereitet sich auf ihren Lernweg vor. Achtsam und ruhig. Denn Julia will tanzen… An einem bewölkten Sommertag saßen Oma und ihre Enkelin im Wohnzimmer und verfolgten die neueste Ballettvorführung des großen Bolszoi Theaters im Fernsehen. Die Musik war wunderschön, der Moment einmalig. Wie hypnotisiert stand Julia auf und begann im Rhythmus der Musik Bewegungen der Tänzer nachzuahmen. Seitdem bestimmte/beeinflusste/lenkte/leitete der Tanz ihre Gedanken und Gefühle. Überall, wo sie nur konnte, tanzte sie, so wie die Mädchen im Fernsehen. Entschieden schwang sie ihre Arme und Beine im Rhythmus der im Kopf erklingenden Töne. Eine Schleife im Haar, der aufrechte Gang, Bewegung suchen nach Koordination und Takt. Jahre langer Übung, leider auch Sticheleien und Spöttereien anderer eifersüchtigen Mädchen in der Ballettschule folgten. Immer wieder fällt Julia, stolpert, erträgt Schmerzen in Gelenken, wartet bis die Knie heilen, übt. Übt auf den großen Tag im Bolschoi Theater, ein Tag der über ihr weiteres Leben entscheiden soll, ein Tag, an dem sie in Moskau auf den großartigsten Bühnen tanzen soll, lernen, üben, fallen, stolpern, um wieder aufzustehen und sich und das Leben zu spüren. Um zu tanzen. Und sie schafft es. Sie wird in das größte Ensemble aufgenommen. Und weiter tanzt sie, fällt um, hat Schmerzen, spürt Lampenfieber vor einem großen Publikum aufzutreten, überwindet ihre Angst, gewinnt Wettbewerbe, wird müde, sehr müde und heilt. Sie liebt, was sie tut. Mit Tanz, für den Tanz und vom Tanz lebt sie als erwachsene Frau. Ihre Großmutter begleitet Julia nun von der Ferne, unterstützt sie im Geiste, sie war und ist immer da. Julia wächst zu einer starken Frau und lebt ihre Leidenschaft… Lerngeschichte, voller Ziele und Stolpersteine, Übung, körperlicher und mentaler Grenzüberwindungen und endlich voll des erträumten Erfolgs. Wie in so vielen Lern- und Erfolgsgeschichten brauchte das Kind Zeit, Muße, Mühe, geeignete Bedingungen, ihr zugewandte Menschen und die Fähigkeit, Träume zu träumen und diese wahr werden zu lassen. 1 Ob die Ballerina oder andere Kinder aber auch Erwachsene - die Wissenschaftler sind sich hier zunehmend einig - alle brauchen für ihren Lern- und Lebenserfolg Kreativität, Flexibilität, Selbstkontrolle und Disziplin (Hattie 2009, Burges & Simons 2005, Espy 2004, Miller & Cohen 2001). Dazu gehören unbedingt Unterstützung, Aufmerksamkeit auf die Wirkung eigener Handlung, Achtsamkeit im Umgang mit Zielen und Bedürfnissen, denen unserer Mitmenschen und den eigenen (vgl. Diamond 2011, 2013). Für Erfolg in der Schule sind die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Kreativität, Flexibilität, Selbstkontrolle und Disziplin wichtiger als der Intelligenzquotient (Blair & Razza 2007). Rechen- und Lesekompetenz werden über die gesamte Schulzeit hinweg von diesen Fähigkeiten beeinflusst (Gathercole et al. 2004). Die Komplexität des menschlichen Lernens liegt in der Natur des Gehirnbaus und seiner einander bedingenden Mechanismen. An der Stelle möchte ich mich des didaktischen Modells von Paul MacLean (1990) und Daniel Siegel (2010) bedienen. Im Kern des Gehirns dem Hirnstamm – Ebene 1 - befinden sich alle Funktionen, die unsere Grundfunktionen wie Herzschlag und Atmung regulieren und das Energieniveau des Körpers kontrollieren. Durch Neuronencluster im Stammhirn ist in bestimmten Situationen eine rasche Energiemobilisierung möglich, die sog. Flight-or-Fight-Reaktion, die uns vor Gefahren schützt. Dieser evolutionär gesehen, älteste Teil des Gehirns (das Reptilienhirn) produziert also unsere einfachsten Verhaltensmuster, die uns ohne Kontrolle der höheren Regionen ein sehr simples Handlungsrepertoire anbieten. Vereinfacht ausgedrückt - in Gefahrsituationen prüft das Gehirn für uns „Bin ich sicher? Werde ich die Situation gut meistern?“ Ist das der Fall, so ist das Gehirn zu „höheren“ Funktionen bereit. Lautet die Antwort „NEIN“, so tut das Gehirn alles, um das Sicherheitsgefühl wieder herzustellen. Aufbauend auf dem „Stamm“ befindet sich das unser Gefühls- und Erinnerungszentrum auf dem Bild die Ebene 2, das die momentane Situation einschätzt und zur Entstehung von Emotionen beiträgt. Der hier situierte Hypothalamus ist das zentrale Steuerungszentrum der endokrinen Drüsen. Durch die Hirnanhangsdrüse sendet er Hormone an den gesamten Körper und nimmt Hormone auf. Hier werden neuronale Muster der Signalübertragung in Körperempfindungen, Gefühle, Gedanken und Bewertungen verwandelt. Die Amygdala (auch Mandelkern, u.a. ein wichtiges Zentrum für Angst) stehen in unmittelbarer Verbindung zum Stammhirn und senden dorthin Signale, wenn wir uns in Gefahr befinden. Jetzt entscheidet sich im Gehirn, ob die Situation bewältigbar ist. In sozialen Situationen hängt das davon ab, ob wir als Individuum gesehen werden, uns anerkannt und in nahen Beziehungen geliebt fühlen. Um dies abzuschätzen, braucht das Hirn die noch höher liegenden Funktionen des Kortex einschließlich des präfrontalen Kortex – Ebene 3. Insbesondere das so genannte Frontalhirn übernimmt eine Steuerungsfunktion und befähigt uns z.B. zum Nachdenken, zur Muskelkoordination, Bewegungsplanung und zu höheren Funktionen des abstrakten Denkens, wie 2 Moral, bewusste Aufmerksamkeit, oder Selbstregulation. Der Frontallappen schafft Verbindungen zu Mechanismen in anderen Ebenen des Gehirns. Je nachdem mit welchen Sinnen, zu welchem Zeitpunkt der biologischen Reifung und in welchem bio-chemischen, von Emotionen abhängigem Prozess, Impulse im Gehirn aktiv werden, entstehen vernetzte Strukturen, die sich mit ihrer Benutzung stets verändern.1 Studien der Embodiment-Forschung2 verweisen darauf hin, dass Menschen dann am beste lernen, wenn sie sich aktiv mit dem Lerngegenstand auseinanderzusetzen. Und weil das Lernen komplex ist, langsam vorangeht und je nach Kontext von vielfältigen Aufmerksamkeitsprozessen abhängt, brauchen wir Verhaltensmodelle, an denen wir uns orientieren und die wir nachahmen können (vgl. Crissman 2006). Albert Bandura zeigt mit seiner dreißigjährigen Forschung, wie unglaublich wirksam das Lernen durch Beobachtung, durch Nachahmung ist (vgl. Bandura 1977, 1986, 2001). Einer seiner berühmtesten Sätze verdeutlicht dies: „Lernen wäre eine unendlich mühsame, um nicht zu sagen, unmögliche Sache, wenn das eigene Handeln und dessen Wirkung die einzige Möglichkeit wäre herauszufinden, was man tun kann oder was man besser bleiben lässt.“. Da wir aber Individuen sind, unterschiedliche Erfahrungen machen und Unterschiedliches erleben, führen diese Mechanismen zu unterschiedlichen Wirklichkeitskonstruktionen und manchmal unterschiedlichen Verhaltensweisen. So wird eine Schülerin, die zu Hause mit einer gehörlosen Mutter zusammen lebt und mit ihrem Vater aufgrund seiner häufigen Abwesenheit nur wenige Möglichkeiten zur verbalen Kommunikation hat, auf dieselbe Aufgabe z.B. ein Referat zu halten – anders reagieren – vielleicht mit Angst, als der Schüler, der zu Hause mit beiden Eltern und seinen zwei Schwestern oft Gespräche führt und gewohnt ist, ihnen Inhalte vorzuführen. Die Emotionen, die diese Kinder begleiten, sind entweder ihre Ressourcen oder Belastungen. Entscheidend für den Lernerfolg ist das Anknüpfen an individuelle, bereits bestehende Erfahrungen. Neue neuronale Netze und somit neues Wissen entstehen besonders dann, wenn der Organismus auf bereits bestehende Strukturen zur Speicherung neuer Information zurückgreifen kann und diese die neuen Informationen mit positiven Emotionen konnotiert (vgl. Erk et al. 2003, Pekrun 2002). Dass ein gelungener Anschluss von Lerninhalten ein sehr wichtiger Prädiktor für gelingendes Lernen ist, auch daran haben Bildungsforscher nur wenig Zweifel (Hattie 2013). Und was hat das Ganze mit der Montessori-Pädagogik zu tun? Hier die Brücke: Die neuronal im Frontalhirn verorteten Fähigkeiten bzw. kognitive Funktionen für flexibles Handeln und Selbstkontrolle bezeichnen Neuropsychologen als exekutive Funktionen (Miyake et al. 2000). In unserer Lerngeschichte hatte Julia den Wunsch Ballerina zu werden. Dafür musste sie zuerst in 1 Dieses vereinfachte lediglich zu didaktischen Zwecken nützliche Model finden Sie bei Daniel Siegel 2010, S 42 3 Begleitung ihrer Großmutter, später ihrer Lehrerin, dann eigenständig Ziele entwickeln – in die Ballettschule gehen, einfache dann komplexere Übungen ausführen, mit Widerständen konstruktiv umgehen d.h. sie musste automatische Impulse hemmen (wie z.B. nicht aufgeben bei ersten Misserfolgen, und Frustration ertragen) Diese Qualität nennen Forscher Inhibition (vgl. Posner & DiGirolamo 1998), Informationen im Arbeitsgedächtnis behalten und Handlungen planen, sich Ziele setzen und Entscheidungen treffen (früher Kurzzeitgedächtnis genannt) (vgl. Klingberg 2013), und kognitiv flexibel sein, in schwersten Momenten z.B. Entspannungs- und Distanzierungsstrategien nutzen, die Perspektive wechseln und Prioritäten setzen. Diese drei Teilaspekte, im Englischen „core executive functions“ (vgl. Lehto et.al. 2003, Miyake et. al. 2012), üben als eine Einheit Einfluss auf unser (bewusstes) Handeln aus. Wenn exekutive Funktionen in Balance zueinander wirken, dann sind wir flexibler im Denken und Handeln, erreichen Ziele und bleiben dabei gesund (vgl. Crescioni et.al. 2011, Miller e. al. 2011, Riggs et. al. 2010). Viele Studien zeigen, dass gute Lernleistungen und gute Beziehungen auf gute exekutive Funktionen zurückzuführen sind (vgl. Duckworth & Seligmann 2005, Diamond & Lee 2011, Diamand 2013). Die SchülerInnen in diesen Studien, die ihre Tätigkeiten planen konnten, sich individuelle Lernziele setzen, Lernstrategien auswählen, auf Erfolge geduldig hinarbeiteten und den eigenen Lernprozess in seinen Teilschritten kontrollieren konnten haben in der Schule nicht nur bessere Leistungen (vgl. Mischel 1989, Duckworth & Seligmann 2005), sie sind auch als Erwachsene im Beruf und bei privaten Beziehungen erfolgreicher, gesünder und zufriedener (vgl. Bailey 2007, Dunn 2010, Kusche et al. 1993, Eakin 2004, Moffit et al. 2011, Casey et al 2011, Mischel el al. 2002). Die Entwicklungsneurobiologe verdeutlicht, dass Menschen ihre Selbstregulationsmechanismen nur langsam entwickeln (vgl. Gogtay et.al. 2004). Das Gehirn braucht mehr als zwanzig Jahre, um die biologische Reife dieser Mechanismen zu entwickeln. Die Fähigkeiten und Kompetenzen einzelner sind dabei von genetischen Veranlagungen, Erfahrung und begleitenden Rahmenbedingungen abhängig (vgl. Bauer 2013, Petermann et al 2004). Unser durch Plastizität gekennzeichnete Gehirn lernt dann nachhaltig und seine individuellen Schutzfaktoren stärkend, wenn wir aktiv (vgl. Hofer et. al. 2009) und positiv, emotional involviert sind: Stress, Traurigkeit, Einsamkeit, Mangel an Bewegung verlangsamen oder verhindern gar diesen und andere Lernprozesse (vgl. Rüegg 2011). Erfahrungen der Orientierung, des Sinns, des Erfolgs, der Zugehörigkeit bei gleichzeitiger Autonomie fördern dagegen eine stärkende Entwicklung und Motivation (vgl. Deci & Ryan 2002, Grawe 2008, Antonovsky 2007, Berk 2011). 4 Dabei gilt: Du wirst zu dem, was du tust, was du empfindest und womit du dich umgibst, und das unabhängig von dem Lebensalter (vgl. Petermann, Niebank, Scheithauer 2004, 94, Bauer 2013). Cornelius-White (2007) hat in seinen Analysen einen starken Einfluss der Beziehung der Lehrperson zu den Schülern im Hinblick auf ihre auf Leistungen festgestellt: abstraktes Warmherzigkeit, Denken Lernermutigung fördert, und zeichnete eine in Mitgefühl, das Non-Direktivität, Anpassungsfähigkeit Untersuchungen Am Rande erwähnt: Was sonst die exekutiven Funktionen fördert? Forschungslage die Lehrerpersönlichkeiten besonders aus (vgl. Hattie Computer basiertes Training CogMed© (Vgl. Bergmann, Nutley et.al. 2011); 2013). interaktive Spiele mit Aufgabenwechsel Für die Lernbegleitung hat das Bewusstsein über die (Mackey et.al. 2011, Karbach & Kray Bedürfnisse der Lernenden, die Wirkfaktoren auf ihr 2009, Thorell et.al. 2009); Taekwondo – Verhalten und Vielschichtigkeit Lernprozesse zunehmend das Bewusstsein menschlicher eine zeigen enorme für die Entwicklung und Bedeutung. Untersuchungen und Denn groß angelegte Metaanalysen von Studien, dass sich der traditionelle Kampfsport – (vgl. Lakes & Hoyt 2004), Bewegung aerobe Übungen, die länger als 30 Minuten mindestens dreimal in der Woche ausgeführt werden (vgl. Davis et. al. 2011); Mindfulness (Bewusstes exekutive Funktionen durch pädagogisches Handeln Leben durch Meditation, vgl. Flook et. fördern und stärken lassen. al. 2010) und Yoga Telles 2001). In (Manjunath & Schulen und Und ja, an der Stelle geht es um pädagogische Kindergärten bewähren sich Praktiken Arbeit nach Maria-Montessori! Sie sprach zwar aus dem Curriculum „Tools oft the nicht von exekutiven Funktionen, aber sie sprach von Normalisierung, einem individuellen Lernweg und Lernen von anderen Kindern (Lloyd 2011 in Diamand 2013). Normalisierung bedeutet, wie ich mind“, das Spielerisches Lernen in Peers mit vielfältigen, kreativen Hilfsmitteln als Lernform hervorhebt (vgl. Diamond et. al. 2007) und ergänzende Programme Promoting es verstanden habe, eine Verlagerung von Störung, Impulsivität und Unaufmerksamkeit hin zur Alternative Thinking Strategies Selbstdisziplin. In einem Montessori-Klassenzimmer ist jedes(PATHS Materialvon nur einmal so dass Kuschevorhanden, & Greenberg die Kinder lernen zu warten, bis sie an der Reihe sind. 1994). Einige von der Montessori konzipierte Aktivitäten sind im Wesentlichen Meditation im Gehen. Die Lernbegleiter und Lernbegleiterinnen beobachten jedes Kind sorgfältig und das Lernen ist lebenspraktisch orientiert, oft arbeiten zwei oder drei Kinder zusammen. Altersübergreifender Unterricht findet hier in drei, vier und manchmal mehr Altersklassen umfassenden Gruppen statt. Hierbei heben Forscher die überschaubaren Räume der vorbereiteten Umgebung hervor, in der Kinder auf das Material warten, ihre Aufgaben in ihrem Tempo und eigener Intensität zu Ende bringen und mit anderen Kindern lernen, wo das eine Kind als Experte einem anderen oder einer Gruppe seine Ideen und Inhalte mitteilt und die anderen zur 5 Auseinandersetzung mit dem Thema bringt (vgl. Lillard & Else-Quest 2006). Meditation im Gehen spielt hierbei eine wichtige Rolle. Kinder, die die untersuchten, mit dem Montessori-Curriculum arbeitenden Einrichtungen täglich besuchten, hatten im Vergleich zu Kindern aus anderen Einrichtungen mit fünf Jahren höhere Werte in allen Tests zu exekutiven Funktionen, wiesen mit fünf Jahren bessere mathematische Kompetenzen auf, konnten besser lesen und hatten einen höher ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Mit 12 Jahren blieben die Effekte im Bereich der Kreativität beim Aufsatzschreiben und im Bereich der sozialen Kompetenzen bei Kooperation höher. Studien zur Nachhaltigkeit pädagogischer Arbeit nach Maria Montessori auf die Entwicklung exekutiver Funktionen im späteren Alter stehen noch an. (vgl. Diamond 2007, Diamond 2011, Diamond 2013). Es ist deshalb sehr wichtig Wirksamkeitsforschung in diesem Bereich zu fördern. Die Erkenntnisse können einen hohen Wert für die zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklungen haben, sowohl für die Ausbildung von pädagogischen Fachkräften und Lehrkräften an Universitäten und Fach(hoch)schulen, als auch in jedem Lebensbereich, in dem sich ehemalige Kinder als Erwachsene finden - als Erwachsene, die kreativ mit vielfältigen Lebensherausforderungen umgehen können, andere achten und die anderen empathisch in verschiedenen Alltagsrollen begleiten, als Erwachsene, die sich angemessene Ziele setzen und diese erreichen und als Erwachsene, die erfüllt und gesund leben. (M)Ein Blick in die Praxis – auf der Transferbrücke … Es waren Momentaufnahmen im seit 2008 entstehenden „Bildungshaus 3 – 10“ in ReutlingenDegerschlacht, die uns zu einer vertieften Reflexion und regelmäßigem Austuasch über die Chancen der Montessoriarbeit in im Kooperationsverbund anregten. Mit „wir“ meine ich das BildungshausTeam aus pädagogischen Fach- und Lehrkräften des Kindergauses und der Grundschule und mich die wissenschaftliche Prozessbegleiterin, die im Rahmen des Modellprojektes am Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen arbeitet und das Team zwischen 2009 – 2014 regelmäßig besuchte. Was mich faszinierte, war diese Ausdauer und Konzentration, in der einzelne Kinder sich ihrer Beschäftigung und/oder anderen Menschen zuwandten. 6 Der vierjährige Max auf dem Bild (1) war so sehr in sein Spiel vertieft, dass er meine Anwesenheit bemerkte. gar In Fokussiereung nicht absoluter auf die Interaktionen der Bausteiene und Anregungen seiner Lernbegleiterin erlebte ich ihn wie hypnothysiert, in seinem Element. Dieses bezeichnete Bild 1 „Max im Spiel-Flow“ als Erleben „flow“ (vgl. Csikszentmihalyi 2010) könnte ein Indikator für die zutiefst erfahrene Motivation sein – Die von dem Kind erlebte Passung zwischen Anforderung, aus sich heraus zu lernen, aus Fähigkeit und Zielklarheit kann zum Aufgehen in der sich heraus zu leben, d.h. eine Tätigkeit führen. Planung, direkte Auseinadersetzung mit positive Erfahrung, die weitere dem Gegenstand, eigenständiges Denken und Umdenken, Lern- das Dran-Bleiben und zu Ende machen – pure Erfahrung Entwicklungsprozesse exekutiver Funktionen, dachte ich! Und wenn so die und fördert und unterstützt. Psyche und der Körper gleichmaßen beansprucht werden, schütten die endokrinen Drüsen Serotonin (zuständig für Ruhe und Gelassenheit) und Adrenalin (zur Energiemobilisierung) aus. Dabei / Im Flow werden Informationen über die Umwelt und das Geschehen schneller verabeitet. So bleibt das Flow-Erlebnis immer in guter Erinnerung. So bleibt das Lernen in guter Erinnerung! Und wie wir wissen, braucht das Gehirn positive Emotionen, um Gesundheit und Resilienz zu stärken. Meine Beobachtungen teilte ich den Pädagoginnen und Pädagogen, später Eltern mit. So fing der Transfer an. Es ging dabei nicht um bessere Leistungen der Kinder im Schreiben oder Rechnen, oder schon gar nicht um bessere Noten. Es ging um das Besondere an jedem dieser Kinder, ihre Begabungen, ihre Interessen und Bedürfnisse, um ihre jetzigen und nächsten Schritte und eine passende Lernbegleitung – es ging um Erfahrung der Stärke. Es ging um RESILIENZ! 7 Chris und Jonas sind Kosmos-Experten in der Schule. Seit Wochen wenden sie Bild 2 „Vorträge der Schulkinder im Kinderhaus – sich dem Planetenprojekt Lernen 3 bis 10“ basteln, schreiben, malen, konstruieren zu und und streiten manchmal sogar um die „beste“ der Steilvorlagen für ihre ZuhörerInnen und ZuschauerInnen. In der Schule kam das Ganze sehr gut an, neugierige, bewundernde Blicke folgten. Aber was im Kindergarten die Präsentation auslöste, war kaum zu toppen: Zwei-, Drei-, Vier-, Fünf-, Sechsjährige saßen zuerst, hörten wie elektrisiert zu, stellten Fragen, um im zweiten Schritt die Planeten in die Hand zu nehmen, auf der Bahn um die Sonne zu kreisen und in individueller Aufmerksamkeit der Experten zu schweben. Ich war mir nicht sicher, für wen diese Erfahrung lernpsychologisch mehr brachte. Den Großen, weil sie nach wochenlanger Planung und (empathischer) Übung (Erfahrung exekutiver Funktionen hoch drei!!!) so viel Anerkennung bekamen oder vielen Kleinen, weil sie sich mit Faszination Bild 3 „Lernen von und miteinander“ ansteckten, zahlreiche Lernbeispiele erfuhren und dabei geduldig warten mussten, Kindergartenhauskinder kommen jede Woche in die andere Schule. Ich beobachte zwei Mädchen in ihrer Planeten Interaktion. Karin hat für Katja die Buchstabentafel, spüren. zuhörten, nahmen, mit Rücksicht um eigenen auf endlich die Händen zu Blätter, Sand und die Knete vorbereitet. Einfühlsam zeigt sie ihr die ersten möglichen Herangehensweisen und den formbaren Buchstaben. Dabei schaut sie zu, wie das jüngere Mädchen reagiert und sagt vorsichtig die Bewegungen an. Die Zärtlichkeit, Geduld und Achtsamkeit der älteren Karin sind vorbildlich. 8 Abb. 4 und Abb 5 „Umi-Geschichten für Geist und Seele“ Schulkinder bringen ihre neuen „Umi-Geschichten“ in das Kinderhaus. Das ist fast jede Woche eine ganz große Sache für die jüngeren Kinder. Jonasi schrieb diese Woche in seiner Freiarbeit, was er gerade den Kinderhauskindern vorliest. Die kleinen Kinder halten ihre Körper ganz ruhig dabei, sie drehen sich kurz um, blicken in die Runde und dann wieder zu dem lesenden Jonas. Wenn Sie bloß den Film zu der Szene sehen könnten: Eine verzauberte Stille verbreitet sich im Raum; fast alle blicken zu Jonas, viele können die Augen und Ohren von dem Geschehen nicht abwenden. Warum sollen sie auch? Da passiert gerade etwas ganz Spannendes! In der Stille merkt Brigitte, ihre Lernbegleiterin, dass ein Mädchen besonders unruhig wird. Sie wartet ab, bis Jonas mit dem Vorlesen fertig ist. Die ganze Gruppe wartet ab. Schließlich erzählt Jonas auf Anfrage einer anderen Lernbegleiterin, warum er ausgerechnet diese Geschichte geschrieben hat. Das ungeduldige dreijährige Mädchen kann nun nicht mehr warten. So viele Worte, so viele Fragen dazwischen, so viele Zeilen und nun will sie es endlich wissen: „Wo hast du bloß dieses Lesen wohl gelernt?“ springt ihr tief aus der Seele. Wir Erwachsenen können unser staunendes Lachen kaum unterdrücken. Wir lernen, was das Bildungshaus möglich macht. Als forschende Beobachterin erfuhr ich in Lernsettings, in denen pädagogische Fach- und Lehrkräfte nach dem Curriculum von Maria Montessori arbeiteten Achtsamkeit, Konzentration, Inhibition bei Kindern und ihre beziehungsorientierte Begleitung. Und so verstand ich besser, was Studien zur Wirksamkeit der Montesstori-Pädagogik über die erfolgreiche Entwicklung und Begleitung der Kinder wirklich sagen. Der Transfer der Forschungsergebnisse und Erfahrungen für die (Bildungshaus) Praxis liegt auf der Hand. Die in den ersten Absätzen beschriebenen Mechanismen des Lernens und der Entwicklung exekutiver Funktionen lassen sich in der pädagogischen Praxis auf die Haltung und Methoden einer die individuelle Persönlichkeit stärkenden Lernbegleitung übertragen. Aus diesem Grund auch lohnt es sich unbedingt, das Bewusstsein für die Wirksamkeit des Montessori Ansatzes zu stärken. Die Ergebnisse der Studien zu exekutiven Funktionen können für bildungspolitische Entscheidungen von 9 größter Bedeutung sein, denn Zahlen und Fakten überzeugen Bildungsverantwortliche. Als Pädagogen wissen wir, dass unsere Arbeit in Wirklichkeit sehr viel Zuwendung gegenüber den Kindern und ihren Bedürfnissen erfordert und an sich eine Kunst ist, die mit Zahlen weniger anfangen kann. Für eine weitere Entwicklung der Bildungslandschaft in Deutschland lohnt es sich, beide Perspektiven zu verfolgen: Für politische Entscheidungen bedarf es weiterer randomisierter Studien zur Wirksamkeit pädagogischer Arbeit, denn Politik wird meistens von Nicht-Pädagogen „gemacht“, für Eltern und Professionelle braucht es vielleicht weniger Fakten, dafür mehr emotionale Überzeugungen und Beispiele gelingender Arbeit. Es braucht aber auch einen konkreten Dialog zwischen politischen Entscheidern, Praktikern und Wissenschaftlern. Nachdenklich macht mich auf der Reise durch die Republik jedoch, dass so wenige Pädagogen und Pädagoginnen in öffentlichen Schulen und Kindergärten nach dem Montessori-Curriculum bzw. in Ansätzen auf Grundlage entsprechender Haltungen und Methoden mit den Kindern arbeiten. Irre ich mich? Wie sind hierzu die Zahlen? Dieser Frage werde ich demnächst nachgehen. Denn ich hoffe und wünsche Ihnen, dass die Zeit der Montessori-Arbeit JETZT ist! Politisch und als Kunst einer sehr sinnvollen Lernbegleitung, d.h. dass Studierende in ihrem Studium, Lehrlinge in ihrer Ausbildung und Fach- und Lehrkräfte fest in ihrem Beruf die Ideen von Maria Montessori aufgreifen, zutiefst wirksam nutzen und diese weiter entwickeln. Referenzen Antonovsky, A., Franke, A. (1997): Salutogenese: Zur Entmystyfizierung der Gesundheit. Tübingen: DgvtVerlag Bailey, C. E. (2007). Cognitive accuracy and intelligent executive function in the brain and in business. 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Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei der Autorin. Autorenangaben: Williams, Beata: Jg. 1974; Dr. phil. Studium der Auslandsgermanistik in Danzig (Polen), Bildungswissenschaften, DaF und Psychologie an der Universität Heidelberg, Ausbildung zur Systemischen Psychotherapeutin und Beraterin an der IGST/MAGST; ehemalige Lehrerin und Dozentin an den Universitäten Heidelberg und Mannheim, z.Zt. wissenschaftliche Mitarbeiterin, Coach und Trainerin am Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen und Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik und Universität Ulm engagiert und setzt sich in verschiedenen Fortbildungsformaten für evidenzbasierte, inklusive Lernkulturen und menschengerechtes Lernen ein, seit September 2008 vor allem im Projekt „Bildungshaus 3 -10“, Fex-Akademie (Förderung exekutiver Funktionen) und Versorgung von Kindern- und Jugendlichen mit psychischen Belastungen. i Aus Datenschutzgründen wurden für den Beitrag die Namen der Kinder verändert. 13