Carlo Domenico, Bartolomeo und Giovanni Battista Lucchese
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Carlo Domenico, Bartolomeo und Giovanni Battista Lucchese
Carlo Domenico, Bartolomeo und Giovanni Battista Lucchese Stuckateure, Maler und Baumeister in Thüringen und in der Oberpfalz Die Lucchese (Lucchesi) aus Melide Die Tessiner Familie Lucchese kennt zwei Stämme.1 Im 16. und 17. Jahrhundert sind es vor allem die Mitglieder der in Pambio bei Lugano beheimateten Lucchese, die als Hofbaumeister im Tirol und in Niederösterreich bekannt sind.2 Filiberto Lucchese (1606–1666), Neffe des Innsbrucker Hofbaumeisters Alberto, ist der erste berühmte Meister aus dem Zweig der Lucchese von Melide. Er ist kaiserlicher Hofbaumeister in Wien und setzt damit die Tradition der Familie fort.3 Der um 1630 geborene Geronimo Lucchese könnte sein Neffe sein, sicher ist er aber Vater der später in Thüringen und in der Oberpfalz tätigen Brüder Lucchese. Mit ihnen ist auch Cousin Giovanni Battista Lucchese im Norden tätig. Verschwägert sind die beiden Brüder mit Giovanni Battista II Brenni, dem Stuckateur von Ebrach.4 Ihre umfangreiche Tätigkeit als Stuckateure, Baumeister und Maler ist nur zwischen 1687 und 1722 zu verfolgen. Nach 1724 verlieren sich alle Spuren. Ihr Familienname wird unterschiedlich geschrieben. Die Schreibweise Lucchese ist heute im deutschen Sprachbereich üblich. Die alte Schreibweise Lucchesi und auch Luchese ist aber noch immer im Gebrauch. Das Dorf Melide ist auch Heimatort der Stuckateure Castelli und des römischen Baumeisters Domenico Fontana. 1 Zur Familie siehe die Webseite von Ursula Stevens (http://www.artistiticinesi-ineuropa.ch/deu/kuenstlerII-lob-lur- deu.html). Ihrer Forschung sind auch die bisher unbekannten Geburtsdaten der Brüder Lucchese zu verdanken. 2 Links zu den in Österreich tätigen Lucchese aus Pambio: Giovanni (* um 1520 in Pambio, † 1581 in Innsbruck), Hofbaumeister. (http://www.hls-dhsdss.ch/textes/d/D24541.php). Alberto (* 1550 in Pambio, † 1600 in Melide), Hofbaumeister, Sohn von Giovanni. (http://www.uibk.ac.at/aia/luchese_alberto.htm). Bartolomeo (* um 1580 in Pambio, † 1622 im Südtirol), Hofbaumeister, Neffe von Alberto. (http://www.uibk.ac.at/aia/luchese_bartolomeo.htm). Francesco (*um 1580 in Pambio, † 1629 Tirol?), Maler, Neffe von Alberto. (http://www.uibk.ac.at/aia/luchese_francesco.htm). 3 Zu Filiberto Lucchese siehe die Webseite http://www.artistiticinesi-ineuropa.ch/deu/lucchese-f-deu.html. 4 Giovanni Battista Brenni (1649–1712) heiratet 1686 ihre 1660 geborene Schwester Felicitas. Siehe seine Biografie in dieser Webseite. Lucchese, Carlo Domenico (1663–n.1717 ) und Bartolomeo (1666–n.1724) Seite 1 von 9 Carlo Domenico Lucchese (1663–nach 1617) Carlo Domenico wird am 17. April 1663 in Melide geboren. Die Eltern sind Geronimo (Hieronimo) Lucchese und Elisabetta Maderna aus Bissone. Sein Vater wird als «capitano» bezeichnet. Mit den beiden nur wenig jüngeren Stuckateuren Giovanni Pietro und Carlo Antonio Castelli ist Carlo Domenico verwandt. Im Trupp seines Schwagers Giovanni Battista Brenni wird er erstmals 1687 erwähnt. Er arbeitet als Stuckateur im kurfürstlichen Jagdschloss Lichtenberg am Lech.5 Hildburghausen 1692, mit 29 Jahren, ist er erstmals im Norden als selbstständiger Stuckateur aktenkundig. Er quittiert im thüringischen Hildburghausen den Empfang von 380 Reichstalern (570 Gulden) für die Grotten und Schlossbrunnen, was auf eine umfangreiche abgeschlossene Arbeit hinweist.6 Coburg 1695, nach anderen Quellen 1696/97, überträgt ihm Herzog Albrecht von Coburg die Innenausstattung des Schlosses Ehrenburg, welches seit 1690 neu gebaut wird.7 Carlo Domenico erhält diesen Auftrag in Konkurrenz zu Giovanni Pietro Castelli, seinem Verwandten und Dorfgenossen.8 Die Ausführung erfolgt aber erst 1697–1700. Hauptwerke sind die Schlosskirche und der üppig stuckierte «Riesensaal». Eine Besonderheit der Schlosskirche ist der Kanzelaltar in Stuckmarmor. Der Säulenaltar hat den Baldachin des Gianlorenzo Bernini im Petersdom zum Vorbild. Aber anstelle des römischen Durchblicks auf die Kathedra Petri fügt Carlo Domenico in Coburg eine Predigerkanzel ein. Der Riesensaal verdankt den Namen seinen 23 raumhohen Atlanten, welche die Decke des Saales optisch tragen. Bartolomeo Lucchese erstellt in der Kirche und im Saal alle Deckenfresken. Speinshart Im August 1696 schliessen die Brüder mit dem Abt von Speinshart einen «Gedings-Contrakt» über die Stuckierung und Ausmalung der neuen Prämonstratenser-Klosterkirche, welche der Amberger Baumeister Wolfgang Dientzenhofer seit 1692 baut. Der detaillierte Vertrag lautet auf 4600 Gulden.9 Auch die Erstellung des Stuckmarmor-Hochaltars ist im Gedings-Contrakt umschrieben. Dieser zeigt in der Scheitelkartusche das Datum 1695. Wenn das Datum stimmt, hätten die Brüder Lucchese im Altarraum schon seit 1694 gearbeitet.10 Im September 1696 5 Das Schloss ist heute zerstört. 6 Er stuckiert hier auch das Treppenhaus. Schon hier könnten auch die Kartuschen-Fresken vom Bruder Domenico stammen. Siehe Lichtbild 1909. Die Schlossanlage wird im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört. 7 Das Schloss Ehrenburg brennt 1690 aus. Das Datum der Auftragsvergabe wird bei Guldan mit 1695 angegeben. Ausführung vielleicht erst 1697–1699. Coburg ist im 18. Jahrhundert eine der Residenzstädte des thüringischen Herzogtums Sachsen-Saalfeld. Erst 1919 erfolgt die Vereinigung mit Bayern. 8 Bartolomeo bezeichnet ihn als «Vetter Hofstuccador zu Eisenach». 9 Siehe Vertragstext im Anhang. 10 Die Abfassung des Vertrages und auch die Unmöglichkeit, vor der Gewölbefreskierung einen schon fertig gefassten Altar aufzustellen, widersprechen allerdings dieser früheren Datierung in Speinhart. Lucchese, Carlo Domenico (1663–n.1717 ) und Bartolomeo (1666–n.1724) Seite 2 von 9 beginnen sie im Kirchenraum mit Stuck und Fresken.11 Sie beenden die Arbeiten 1699. 1700 errichtet Carlo Domenico den später mit 1695 datierten Hochaltar und empfängt 1701 die letzten Zahlungen. 1703 arbeiten sie in Schloss Glücksburg zu Römhild in Thüringen.12 Saalfeld 1704 unterzeichnet der Bruder Bartolomeo in Coburg einen Generalakkord für «Stuck wie auch Mahlerey Arbeit» der herzoglichen Schlosskirche im thüringischen Saalfeld.13 Es handelt sich dabei um einen Generalakkord. Carlo Domenico dürfte hier für den Stück und Stuckmarmor verantwortlich sein, den Auftrag die Deckengemälde überträgt Bartolomeo seinem Dorf- und Altersgenossen Carlo Ludovico Castelli.14 Für die Arbeiten in Saalfeld, die gleichzeitig mit den Stuckateurarbeiten in Meiningen laufen, engagiert der jetzt als Generalunternehmer auftretende Bartolomeo weitere Stuckateure für jeweils zwei Jahre. Er nennt bekannte Namen wie Giovanni Battista Brenni, Andrea Maini und Cipriano Castelli. 15 Vom Würzburger Hofstuckateur Pietro Magni entlehnt er sich Andrea Gallasini.16 Die Arbeit der Lucchese in Saalfeld ist nach einigen Unterbrüchen spätestens 1709 beendet. Castelli malt das grosse Deckengemälde erst 1710. Meiningen Gleichzeitig sind die Brüder Lucchese auch im herzoglichen Schloss von Meininigen tätig. Hier stuckiert ihr Trupp 1705–1706 den Festsaal über der Schlosskirche im Südflügel. Ihre Stuckaturen im reich stuckierten Saal sind heute nur noch rudimentär erhalten.17 Auch in Meiningen arbeiten die schon in Saalfeld erwähnten weiteren Stuckateure. 11 Der Stuck ist, wie bei Misoxern und «Italiener» im 17. Jahrhundert üblich, mit reinem Sumpfkalkmörtel und ohne Gips ausgeführt. Bezeichnend ist dafür, dass im Vertrag von «Gipps-Arbeit» nur beim Stuckmarmor für die Altäre die Rede ist. Die Bilder sind in «fresco buono» erstellt. 12 Zahlung 1704 von 945 Gulden für nicht näher bezeichnete Arbeiten. Im gleichen Jahr ist auch Carlo Ludovico Castelli als Maler anwesend. Heute ist alles zerstört. 13 Guldan nennt als Akkordsumme 3500 Reichstaler, was 5250 Gulden entspricht. Der Generalakkord umfasst nebst Stuck und Malerei auch die Altarausstattung, vielleicht auch weitere Räume des Schlosses. Nur die Schlosskirche und das Treppenhaus sind erhalten. Das Treppenhaus (nach 1690) wird dem «Mailänder Giovanni Caroveri» zugeschrieben, der aber aus Bissone (dem gegenüber Melide liegenden Dorf) stammt und Giovanni Battista Garove (1624–nach 1690) heisst. Zu ihm siehe: http://www.artistiticinesi-ineuropa.ch/deu/kuenstlerII-gar-gar-deu.html. 14 Zu Carlo Ludovico Castelli siehe die Biografie (PDF) in dieser Webseite. 15 Giovanni Battista Brenni (1649–1712) aus Salorino, Schwager der Brüder Lucchese, siehe auch Biografie auf dieser Webseite. Andrea Maini (geb. 1676) aus Arogno und Cipriano Castelli (geb. 1687) aus Melide. Auch heute nicht mehr bekannte Namen wie Giovanni Francesco Tattaro, Adolpho Piocha oder Giovanni del Té werden genannt. 16 Andrea Gallasini (1681–1766) aus Lugano, später Hofbaumeister in Fulda. 17 Der Saal, früher auch Riesensaal und sächsischer Saal genannt, ist 23,65 Meter lang, 15 Meter breit und eineinhalb Stockwerke hoch. Die Deckenbilder erstellt erst 1714 Lazarus Maria Sanguinetti. Der Saal wird 1909 als stark beschädigt beschrieben. Zum Stuck dieses Saales siehe den Lichtdruck 1909. Nach Kriegszerstörungen ist heute nur noch wenig Originalsubstanz vorhanden. Heute dient der Saal als Ausstellungsraum. Lucchese, Carlo Domenico (1663–n.1717 ) und Bartolomeo (1666–n.1724) Seite 3 von 9 Unbekannte Tätigkeit nach 1709 Über Werke nach den Aufträgen in Saalfeld und Meiningen ist nichts mehr dokumentiert. Zugeschrieben werden den Brüdern Lucchese die Stuckdecken im Schloss Unterlind (1710), sie dürften aber nach 1714 vor allem im Herzogtum Sachsen-Hildberghausen wirken. 1717 hören wir nochmals von Carlo Domenico, der sich dem Abt von Weingarten als Architekt empfiehlt.18 Nachher verlieren sich seine Spuren. Fantasievolle Stuckaturen am Ende des Hochbarocks Die wenigen noch vorhandenen Arbeiten der Brüder Lucchese in Coburg, Speinshart und Saalfeld sind geprägt von einem expressiv plastischen, überquellend schweren und die Flächen inkrustierenden Stuck. Bezeichnend ist das Auftreten des Figürlichen in allen Werken. Sie sind völlig unbeeinflusst durch irgendwelche Vorlagewerke und zeigt nebst der fantasievollen Gestaltung eine souveräne Beherrschung des plastischen Materials. Die Stuckaturen stellen ein als letztes Aufbäumen des italienisch geprägten Hochbarocks dar. Schon zur Zeit der Arbeiten in Saalfeld leitet der «Vetter Hofstuccador zu Eisenach», Giovanni Pietro Castelli, in Thüringen den Übergang zum französisch geprägten Régence ein. Als sich 1717 Carlo Domenico Lucchese in Weingarten bewirbt, ist der hochbarocke Stuck italienischer Prägung bereits Vergangenheit. Pius Bieri 2015 18 1716 zieht sich Franz Beer II als Baumeister zurück. Donato Giuseppe Frisoni, der Ludwigsburger Hofbaumeister, wird mit den weiteren Planungen betreut. Lucchese, Carlo Domenico (1663–n.1717 ) und Bartolomeo (1666–n.1724) Seite 4 von 9 Bartolomeo Lucchese (1666–n.1724) Bartolomeo wird am 6. Mai 1666 in Melide geboren. Die Eltern sind Geronimo (Hieronimo) Lucchese und Elisabetta Maderna aus Bissone. Er ist verschwägert mit Giovanni Battista Brenni. Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Carlo Domenico geht er (zusätzlich?) zu einem Maler in die Lehre und wird in der neueren Forschung ausschliesslich als Maler bezeichnet. Seine Lehrmeister sind unbekannt.19 1690 heiratet er in Melide Marta Maria Cecilia Castelli, die Schwester von Carlo Ludovico und Eugenio Flaminio Castelli.20 Speinshart Sechs Jahre später wird Domenico erstmals erwähnt. Im Generalakkord mit dem Abt von Speinshart vom 10. August 1696 ist er Unterzeichner. Irritierend ist allerdings der Passus des Vertrages, dass «Herr Dominicus Luchese die vornembste Bilter selbsten und die Aussthaillung machen» solle. Carlo Domenico ist vorher ausschliesslich als Stuckateur bekannt. Sind die beiden Brüder Doppelbegabungen? Sie erstellen die Arbeiten in der PrämonstratenserAbteikirche von 1696–1700. Bartolomeo wird trotz der Ungereimtheiten als Schöpfer des umfangreichen Freskenprogramms betrachtet. Die Bildinhalte, Marienszenen im Chor und Szenen der Norbert-Vita im Langhaus, sind vom Abt vorgegeben und in Rissen dem Vertrag beigefügt. Die Fresken sind im Kolorit hell und warm, kräftige Blautöne heben sich ab. Ähnlichkeiten mit den Fresken Bussis in Bissone lassen sich nicht verleugnen. Coburg Fast gleichzeitig mit Speinshart vollenden die Brüder Lucchese auch die umfangreichen Stuckund Freskenausstattungen in der Schlosskirche und im Riesensaal des Schlosses Ehrenburg von Coburg. Sie beginnen dort 1697. Im Riesensaal nimmt Bartolomeo Allegorien aus dem 1690 erschienenen Druck «Le Cabinet des beaux Arts» von Charles Perrault zum Vorbild. Die Deckenbilder der Schlosskirche können erst 1700 erstellt werden. Saalfeld, Meiningen Die grossen und teilweise gleichzeitig laufenden Arbeiten setzen eine gut organisierte Werkstatt voraus. Inzwischen ist Bartolomeo verantwortlich für Entwurf, Leitung und Vorbereitung der Arbeiten. 1704 unterzeichnet er in Coburg einen Generalakkord für die Schlosskirche im Residenzschloss Saalfeld. Für 3500 Reichstaler soll er «Stuck wie auch Mahlerei Arbeit» entwerfen und ausführen, während er für die Gesimse, Säulen und Kapitelle nach dem Riss des Baumeisters arbeiten muss. Er inventiere (entwerfe) und dirigiere das Werk, schreibt er schon in der Bewerbung. Er tritt damit als Generalunternehmer auf. Die Deckengemälde überträgt er seinem Schwager Carlo Ludovico Castelli. Er zieht ihn aufgrund 19 Beziehungen des Vaters ins Nachbarort Bissone lassen Carpoforo Tencalla oder Carlo Antonio Bussi vermuten. Bussi malt die Kirche San Carpoforo in Bissone um 1682/83 aus. Ist Bartolomeo vielleicht hier als Lehrling tätig? 20 Das Datum der Heirat gemäss Mitteilung Ursula Stevens. Zu Carlo Ludovico und Eugenio Flaminio Castelli siehe die Biografie (PDF) in dieser Webseite. Sie stammen aus dem Familienzweig der Ripa, während die Cousins Giovanni Pietro und Carlo Antonio Castelli aus dem Familienzweig Padua stammen. Lucchese, Carlo Domenico (1663–n.1717 ) und Bartolomeo (1666–n.1724) Seite 5 von 9 der Zahlungen für die Deckenfelder der Kapelle bei.21 Das Haupt-Deckengemälde in der Kirche erstellt Castelli erst 1710, als die Brüder Lucchese ihre Arbeiten schon über ein Jahr beendet haben. Ein Jahr nach dem Arbeitsbeginn in Saalfeld ist er als verantwortlicher Unternehmer auch im Schloss Elisabethenburg von Meiningen tätig. Er verfügt um diese Zeit nebst dem Bruder über mehrere ausgezeichnete Stuckateure, die er für jeweils für zwei Jahre für 4 bis 5 Reichstaler pro Woche einstellt.22 Ob nebst dem Stuck im Riesensaal auch Deckengemälde erstellt werden müssen, ist nicht bekannt. Ein weiteres Bauwerk von Bartolomeo Lucchese ist die evangelische Pfarrkirche von Gestungshausen bei Sonnefeld im heutigen Oberfranken. Hier ist er 1713 erstmals nicht mehr nur organisierender Unternehmer, sondern auch planender Architekt. Die Stuckarbeiten werden aber nicht durch die Lucchese-Werkstatt, sondern durch einheimische Stuckateure ausgeführt. «Bau-Director Lughese» Als Baudirektor des Herzogtums Sachsen-Hildburghausen ist Bartolomeo Lucchese ab 1714 tätig.23 Er ist für Herzog Ernst Friedrich I. tätig. 1721–1722 plant er den Hugenottentempel in der Neustadt von Hildburghausen.24 1724, im Todesjahr des Herzogs, ist ein letztes Schreiben von Bartolomeo erhalten. Er bittet um Einhaltung eines Vertrages über 4706 Reichstaler, von dem er bisher erst 600 Reichtaler erhalten habe. Nach diesem Datum ist von Bartolomeo Lucchese nichts mehr zu hören. Pius Bieri 2015 21 Zu Carlo Ludovico Castelli siehe die Biografie (PDF) in dieser Webseite. Er erhält 1711 als Anrechnung auf den Gesamtakkord 400 Taler oder 600 Gulden. Diese Summe umfasst die 1710 erstellten Deckengemälde (in Öltempera auf Putz?). 200 Taler zahlt ihm Bartolomeo Lucchese. Die Zuschreibung aller schon 1709 bestehenden 78 Embleme und 20 Sinnbilder (in Freskomalerei) an Castelli ist zu hinterfragen. Sie basiert auf der sicher falschen Annahme, dass Bartolomeo Lucchese seit Coburg (1700) nicht mehr malt. 22 Siehe dazu die Namen in der Biografie von Carlo Domenico Lucchese. Der Wochenlohn von 4 bis 5 Reichtalern oder 6 bis 7,5 rheinischen Gulden entspricht einem Jahreslohn von 240 bis 300 Gulden. Die Stuckateure in Thüringen erhalten damit ungefähr die gleiche Summe in Reichtalern wie die süddeutschen Stuckateure in Gulden ausbezahlt. Sie sind damit bedeutend besser (selbst im Vergleich mit Würzburg) entlöhnt. Dort wird ein derartiger Lohn erst 1770 bezahlt. 23 Das Herzogtum Sachsen-Hildburghausen umfasst die Ämter Hildburghausen, Heldburg, Eisfeld und Schalkau und ist leicht grösser als der heutige thüringische Landkreis Hildburghausen. 24 Saalbau mit umlaufenden Emporen, seit 1829 katholische Kirche. Heute stark verändert. Lucchese, Carlo Domenico (1663–n.1717 ) und Bartolomeo (1666–n.1724) Seite 6 von 9 Giovanni Battista Lucchese (geb. 1662) Giovanni Battista wird am 29. Oktober 1662 als Sohn des Domenico Lucchese und seiner Ehefrau Antonia Verda in Melide geboren. Die Patin ist Anna Catarina Tencalla, die Frau des Wiener Hofarchitekten Giovanni Pietro Tencalla. Auch Giovanni Battista ist Stuckateur. Von ihm ist nur bekannt, dass er 1694 in Waldsassen zu Verhandlungen für die Stuckausstattung der Klosterkirche eingeladen wird, aber den Auftrag an die berühmtere Werkstatt des Giovanni Battista Carlone verliert. Pius Bieri 2015 Literatur Guldan, Ernst: Quellen zu Leben und Werk italienischer Stukkatoren des Spätbarock in Bayern, in: Arte e Artisti die Laghi Lombardi, II. Como 1964. Baier-Schröcke, Helga: Der Stuckdekor in Thüringen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Berlin 1968. Weidinger, Wilhelm: Barockbaumeister und –stukkatoren aus den Südalpen in der Oberpfalz, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg (VHVO) Nr. 147 Regensburg 2007. Fleck, Niels: Die Allegorisch-Emblematischen Bildprogramme in Schloss und Schlosskirche Saalfeld: Vorlagen, Genese und Auftraggeber, in: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft 34. Bd. (2007). Links: http://www.artistiticinesi-ineuropa.ch/deu/homedeu.html Textdokument aus http://www.sueddeutscher-barock.ch Der vorliegende Text ist unter dem Label {{CC-nc-by}} für nichtkommerzielle Zwecke und mit Nennung des Autors frei verwendbar. Lucchese, Carlo Domenico (1663–n.1717 ) und Bartolomeo (1666–n.1724) Seite 7 von 9 Anhang: Abschrift des Werkvertrages zwischen der Prämonstratenserabtei Speinshart und den Brüdern Carlo Domenico und Bartolomeo Lucchese vom 10. August 1696 Quelle: Die Kunstdenkmäler des Königreichs Bayern, 1909. Zu vernemmen seye hiemit gegen aller mäniglich in crafft diss offnen Briefs, weme derselbe vorkkhombt, wassmassen zwischen dem löbl. Closter Speinshardt und denen kusntreichen Herren, Dominico und Bartholomeo Louchese Gebriedern, von Mellide dioecesis Novocomensis. wegen nach benamster Stucatur arbeith, und fresco Mallerey ins dass alhiesige Gotteshauss umb vier Tausend Sechs Hundert Gulden, neben Verehrung eines silbern Kändls, wann die Arbeith zum völlig und guetten Bestandt gebracht worden, bey ihren erlichen, redlichen Nammen, Glauben und Threuen (iedoch ohne Cost, Drunckh, Zimmer, Liecht, weder auf die Herren Luchese noch ihre gesöllen) vor ein aufrichtig bestendtiger Contract und ordentlicher geding gemachtund beschlossen worden, Als: • Erstlich sollen die Herrn Luchese mit ihren gesellen bey anstehent und anfangenter Arbeith zu empfangen haben 50 fl. • Zum andern, wan dass Gewölb ober dem Chor, in dessen Mitte unnser Lieben Frauen Himmelfarth Bildtnuss mit umbegebenen Engeln, in den neben grössern 4 Schildten Visitatio, Nativitas, Praesentatio, Purificatio B.M.V., in den vier kleinem aber 4 Tugenten alss Prudentia, Temperantia, Fortitudo, Spes, auf den 4 Ecken 4 Propheten von feiner Fresco Mallerey, mit schönen Lorber und Frücht Krenzen, auch wass sonsten an Ziratten von Stucatur Arbeith vonnöthen, sambt Gesimbsen, Friss, Archidra, Capitellen, Bögen, 4 Englen auf den Gesümbsen, dass Gewölb haltent, und 4 Ordens Heilling under den Gesümbsen, sambt ornamenten under den Pallostern, gleichsamb alls in Lebens Postur, darbey alle Schildt mit schönen Lorber oder auch Blüemben und Frucht Cränzen umbfangen und verbunden, sambt 20 gefliglten Englen, wie all mehrers der mit Lit. A verfasste Abriss zeiget, ebenmessig von reiner und saubern Stucatur Arbeith verferttiget, seindt zu empfangen 150 fl. • Drittens, wan dass Gewölb ober dem Chor altar, in dessen Mitte Coronatio B.V.M., in die 8 Schildt aber 8 Englen gewisse insignia tragent, in fresco gemahlt und ebenfahlss mit schönen Lorber und Frucht Cränzen eingefangen, sambt denen Gesümbsen, Friss, Archidra, Capitellen, Bögen und 4 ornamenten und den Pallostern, wie der Abriss Lit. B zeiget, von reiner sauberer und bestendtiger Stocatur Arbeith verferttiget, sollen zu empfangen sein 100 fl. • Zum Vierten ist verglichen und abgehandlet worden, wan der Hoch und Chor altar dem Abriss Lit. C gemess mit 4 marmollirten Säullen und auch marmollirten Stückhen, neben St. Augustin, St. Norbert in bischöflichem Habit mit ihren insigniis stehent, obenher 2 Engel sizent, neben den Säullen aber 2 Engel mit Rauchfässer stehent, alls in völliger Postur, zwischen dem Chor und obern Blath dass alhiessige Abbtey Wappen oder wass anders, neben dem Tabernacl, wie der Abriss Lit. D weiset, von schöner reiner Gipps und Stucatur Arbeit verferttiget, seindt zu empfangen 500 fl. • Fünftens wan der Fron Bogen mit Englen und dem Englischen Gruess sambt denen Gesümbsen, Friss, Archidra und Capitellen nach inhalt dess Abriss mit Lit. E, dan die Lucchese, Carlo Domenico (1663–n.1717 ) und Bartolomeo (1666–n.1724) Seite 8 von 9 innere 7 oratorien wie der Abriss Lit. F zeiget, von schöner sauberer Stucaturarbeith sambt Mallerey und all vorhergehenten nach contento verferttiget, seind zu empfangen 400 fl. • Sechstens ist weitters verglichen und abgehandlt worden, wan dass Langhauss sowohl under alss ober der Orgl und heraussen, wans vonnöthen, sambt allen gewolben, Bögen, Gesümbsen, Friss, Archidra, Capitell, und an den hindern Bogen, bey den 2 Thürnen eine dem Englischen Gruess gleiche Stocatur arbeith als die 2 Stüffter und hiesiges Wappen sambt der Mallerey und Bild, wie der Abriss Lit. G mehrers weiset, ebenfahlss von reiner sauberer bestendtiger, dem Chor wo nit schönerer wenigstens gleicher Stucatur arbeith, sambt den ornamenten under den Pallostern, Ordens Heilligen auf den Pfeillern (welche die Maurer sambt Ausslegung der Gesümbsen auf dess Closters Costen denen im Chor gleich machen), biss auf den Boden inner und ausser den oratorien und Capelien in allenthalben verferttiget, seind zu empfangen 1000 fl. • Sibentens, wann all Oratorien, Fenster, Beichtstiell und die Capelien in der Kürchen sambt der Mallerey und Stucatur arbeith wie der Abriss Lit. H ausweiset, verferttiget, seindt gleichfahlss zu empfangen 1000 fl. • Die übrige 1000 fl. aber, nach Verferttigung diser bedingten und vorbenambsten Arbeith über Jahr und Tag und wann wider Verhoffen wass an Stucatur arbeith oder Mallerey solle herabfallen oder sonsten schadtloss werden, alles ohne dess Gottshauss und Closters Costen widerum zu guetten Bestandt zu bringen. • Neunten und lestens soll und woll auf dess Closters Uncosten alle bedörfftige Materialien, neben den Handlangern (ausgenohmmen, wass zur Mallerey gehörig, welches beedte Herrn Luchese uf ihren Cösten verschaffen) herbey geschafft werden, und bey dieser Arbeith Herr Dominicus Luchese die vornembste Bilter selbsten und die Aussthaillung machen, bey welcher Arbeith er auch stetts oder sein Herr Brueder sein und verbleiben solle, doch solte ihnen verlaubet sein, bey anderer ihrer Arbeith 1, 2 oder 3 Wochen zuzusehen, solte auch wider Verhoffen under wehrent dieser Arbeith ain oder der ander mit Todt oder beedte abgehen, der überlebente oder ihre hinderlassene Freindt solche benambste Arbeith dem Contract gemess durch erfahrne Stucatur Künstler und Mahler zu verferttigen verbunden sein, welches alles gethreu und fleissig dem Geding gemess zu guetten Bestandt zu bringen, handt gebent versprochen und angelobt haben, gethreulich ohne Geferde. Diss zu wahren Urkhundt und unverbrichlichen Vösthaltung habe ich sambt meinen p. t . H. P. Prior und beidte Herren Gebriedern Luchese disen Gendings Contrakt mit Handt und Petschafft verferttiget und ieder Exemplar von einer Handt geschriben zu Handen genohmmen. Geschehen im Closter Speinshardt den 10. Augsut nach Christi allerheiligsten Geburth im aintausend Sechshundert Sechs und neunzigisten Jahr. Godefridus Abte Speinsh. P. Hugo p. n. Prior. Carolo Domenico Luchese. Bartholomaeo Luchese m. p. (mit vier Siegeln) Lucchese, Carlo Domenico (1663–n.1717 ) und Bartolomeo (1666–n.1724) Seite 9 von 9